„Wir haben ein kleines Problem“ – Das World Trade Center in New York

NEW YORK – WORLD TRADE CENTER – ein Projekt und was wir daraus lernten

Ein Anruf, zwei Sätze – so einfach wie bedeutungsvoll: „Jan, kannst du kurz in Laas vorbeischauen? Wir haben da ein kleines Problem.“
So beginnen die besten Geschichten. Nicht mit einem großen Auftrag. Nicht mit einem Pitch. Mit einem Anruf und einem Satz der alles untertreibt.

Was mich in Laas erwartete, waren zwei CDs, gefüllt mit 2.000 Zeichnungen und 2.000 Seiten Ausschreibungstext. Das World Trade Center in New York.

1. Die Ausgangslage – was wirklich auf dem Tisch lag

Die neuen Eigentümer der Lasa Marmo hatten sich um einen Auftrag bemüht. Ein Mitarbeiter in New York hatte die richtigen Kontakte geknüpft, der weisse Marmor – auch bezeichnete als das weisse Gold von Laas – war für den Wiederaufbau des Transportation Hub im WTC bemustert worden. Der Stein gefiel dem Architekten und dem Bauherren. Er war im Spec der Ausschreibung. Und damit erhielt die Lasa die Ausschreibungsunterlagen.

Das Verrückte daran: Die Lasa Marmo war zu diesem Zeitpunkt eher als Manufaktur zu beschreiben – weit entfernt von einem Industriebetrieb. Niemand fühlte sich in der Lage, die Ausschreibung zu quantifizieren und zu qualifizieren. Es gab keine systematische Massenermittlung. Keine internationale Ausschreibungslogik. Keine Struktur. Und das Risikopotenzial in diesem Projekt war enorm.

2. Die Methode – wie wir das Unmögliche möglich machten

Der erste Schritt war nicht der Auftrag. Der erste Schritt war Analyse.

Zwei Drucker liefen 48 Stunden lang, um die 2.000 Pläne auszudrucken. Daraus entstanden zunächst zwei Stapel: mit Stein und ohne Stein. Dann kamen Copics zum Einsatz. Fünf Farben, fünf verschiedene Materialgruppen, fünf Stapel. Nach drei sehr langen Tagen war alles erfasst, gezählt und sauber in Excel-Listen strukturiert. Der Bit hatte Form angenommen.

Steinbruch Laas · Lasa Marmo · artEmotional

Als Nebeneffekt kannte ich nun das gesamte Gebäude – vom Fundament bis zu den Rauchklappen im Glasdach. Besser als jeder andere am Tisch.

Parallel kam mit dem Wissen um den Bit die entscheidende Frage: Gibt der Steinbruch das überhaupt her? Kapazität, Qualität, Logistik. Als wir die Zahlen der vergangenen Quartale anschauten, wich allen Beteiligten die Farbe aus dem Gesicht.

Mein Vorteil: das Studium der Felsmechanik. Der Berg war mir nicht fremd, die Maschinen nicht völlig unbekannt. Es begann der Wettlauf zwischen den Vertragsverhandlungen in New York und dem Turn im Steinbruch – für einen Auftrag der Superlative.

3. Der Wendepunkt – der Verhandlungstisch in New York

Der entscheidendste Moment für die Lasa war nicht im Steinbruch. Er kam am Verhandlungstisch mit der Port Authority of New York.

In allen Besprechungen war das Team der PA zahlreich vertreten – ein Experte für jeden Bereich. Unter all diesen Experten fehlte jedoch einer: einer, der das Projekt von A bis Z kannte, bezogen auf den Stein. Wer war auf welcher Fläche geplant? Welche Qualität, welche Menge, welcher Liefertermin?

2.000 Pläne, alle sorgfältig auf Stein geprüft, gekennzeichnet und abgelegt. Jetzt zahlte sich die Systematik aus.

Lasa Marmo erhielt den Auftrag, weil zu diesem Zeitpunkt niemand das Projekt besser kannte als wir. Nicht die New Yorker Projektsteuerer. Nicht die PA. Wir. Das ist keine Frage von Größe oder Budget. Das ist eine Frage von Tiefe und Verantwortung.

Das ist keine Frage von Größe oder Budget. Das ist eine Frage von Tiefe und Verantwortung.

4. Was danach kam – die eigentliche Geschichte

Der Auftrag war gewonnen. Aber das war erst der Anfang.

Parallel zu den Lieferzusagen stand die Transformation von Lasa Marmo an: von der Manufaktur zum Industriebetrieb. Die Produktion brauchte moderne Maschinen und Leute, die sie bedienen konnten. Der Steinbruch musste auf große Blockformate umstellen – dazu waren andere Techniken notwendig. Der Transport ins Tal musste neu gedacht werden: Die Seilbahn hatte 12 Tonnen Traglast, die Blöcke fürs Projekt wogen 25 bis 30 Tonnen.

Eine Halle, blockiert durch ein riesiges und mühsam verkaufbares Fliesenlager, musste geräumt und in eine Drylayout-Halle umgebaut werden – inklusive Kranbahn. Es brauchte ein Abbauprogramm im Steinbruch, eine Kommunikationsstruktur nach New York und zu den Aktionären.

Wir begannen, junge Leute direkt ab der Hochschule einzustellen. Sie kamen mit frischem Wissen und konnten die neuen Prozesse aktiv mitgestalten und führen. Produktion, Bruch, Accounting – neue Führungskräfte in allen Bereichen.

Steinbruch Laas · Lasa Marmo · artEmotional

Aus diesen Erfahrungen – aus 15 Jahren zwischen Steinbruch, Produktion und internationaler Projektsteuerung – entstand Jahre später DDL®. Nicht als Geschäftsidee. Als operative Brücke: die Massenermittlung, die Block-Logistik, die Übersicht über jede Platte vom Bruch bis zur Wand. Was damals Wochen mit Excel und Lineal waren, ist heute ein Workflow.

5. Was das für jedes Projekt bedeutet

Die WTC-Geschichte ist kein Einzelfall. Sie ist das Muster.

Kunden unterschätzen systematisch die Tiefe, die eine Lösung braucht. Das echte Problem liegt fast immer tiefer als die ursprüngliche Anfrage. Wer ein Problem wirklich durchdringt, sitzt am Verhandlungstisch am längeren Hebel.

Nicht wegen der Größe des Unternehmens. Nicht wegen des Budgets. Wegen der Tiefe des Verstehens.

Photos by Klemens Werner

Rückblickend

Heute, also Jahre später, ist der WTC-Auftrag immer noch ein gutes Projekt. Es hat uns sehr viele Erfahrungen ermöglicht.

Die Tiefe, die damals manuell erkämpft wurde, sitzt heute in DDL®. Damit das nächste Team auf das Wissen aufbauen kann.

Und ich neue spannende Anrufe entgegen nehmen kann.